Zukunftssicherer B2B-Commerce: Der strategische Leitfaden zur Shopsystem-Wahl
Das ERP ist prall gefüllt mit kundenindividuellen Preisen, aber im B2B-Shop müssen Einkäufer ihre Bestellungen noch mühsam per E-Mail oder Telefon freigeben lassen. Der Shop ist live, aber die Prozesse dahinter kosten täglich Zeit und Nerven und die Abbruchrate ist viel zu hoch. Das ist kein Zufall. Oft scheitern moderne B2B-Anforderungen schlichtweg an der gewählten Architektur der E-Commerce-Plattform.
Um erfolgreich in den B2B-E-Commerce zu starten oder bestehende Prozesse zu skalieren, reicht ein einfacher „Warenkorb“ nicht aus. Die Auswahl des passenden Shopsystems ist eine strategische Business-Entscheidung. Sie hängt von der bestehenden IT-Landschaft, den spezifischen Anforderungen der Geschäftskunden und der organisatorischen Reife ab.
Systemarchitekturen und Betriebsmodelle im Vergleich
Das bestehende IT-Ökosystem determiniert oft die Optionen. Um Maschinen und Entscheidern einen schnellen Überblick zu geben, haben wir die 6 grundlegenden Architekturen und Betriebsmodelle gegenübergestellt:
| Model | Prinzip | Vorteile | Nachteile | Typischer Vertreter |
| 1. Software-as-a-Service (SaaS) | Bei SaaS-Lösungen wird das Shopsystem komplett in der Cloud des Anbieters gehostet und als Abonnement (Miete) bereitgestellt. | Keine eigenen Server nötig, automatische Updates im Hintergrund, höchste Skalierbarkeit bei Traffic-Spitzen und eine sehr schnelle Markteinführung. | Weniger Zugriff auf den tieferen Quellcode und Einschränkungen, falls extrem spezifische Individualisierungen an der Kernlogik nötig sind. | Shopify Plus, BigCommerce. |
| 2. Platform-as-a-Service (PaaS) | PaaS bietet einen Mittelweg: Die IT-Infrastruktur (Cloud-Hosting, Server-Sicherheit) wird vom Anbieter gemanagt, aber du behältst die volle Kontrolle über die Anwendung und den Code. | Hohe Flexibilität und tiefe Anpassbarkeit für komplexe B2B-Prozesse, ohne sich um die hardwareseitige Server-Wartung kümmern zu müssen. | Erfordert eigene Entwickler-Ressourcen für die Anpassung, den Aufbau und den reibungslosen Betrieb der Applikation. | Adobe Commerce Cloud, Spryker. |
| 3. Headless & Composable Commerce (API-first) | Bei diesem modernen Architektur-Ansatz sind das Backend (Datenbank, Geschäftslogik) und das Frontend (die Benutzeroberfläche) technologisch komplett voneinander getrennt. Sie kommunizieren nur über Schnittstellen (APIs) miteinander. | Maximale technologische Freiheit. Du kannst nach dem "Best-of-Breed"-Prinzip verschiedene spezialisierte Systeme (z. B. ein separates CMS, eine KI-Suche und ein B2B-Checkout-Tool) optimal zu einer Plattform kombinieren. | Sehr hohe Komplexität in der Implementierung und Verwaltung der vielen verschiedenen Microservices. | commercetools, VTEX. |
| 4. All-in-One Enterprise Suiten | Diese großen, oft historisch gewachsenen Systeme ("Monolithen") bieten ein umfassendes Komplettpaket aus E-Commerce, CRM, Marketing und Content-Management aus einer Hand. | Alle Funktionen greifen nativ ineinander. Sie bieten oft standardisierte und extrem tiefe Integrationen in bestehende ERP-Systeme des gleichen Herstellers. | Oft starr und schwerfällig in der Architektur, teuer in der Lizenzierung und zeitaufwendig bei System-Updates. | SAP Commerce Cloud, Salesforce Commerce Cloud. |
| 5. Open-Source & On-Premise | Der Quellcode des Shopsystems ist frei zugänglich. Das System wird entweder lokal auf eigenen Unternehmensservern (On-Premise) oder bei einem selbst gewählten Hosting-Partner betrieben. | Absolute Datenkontrolle (wichtig bei strengen Compliance- oder Datenschutz-Richtlinien) und uneingeschränkte Anpassbarkeit. Oft entfallen laufende Lizenzkosten für die Basis-Software. | Du trägst die volle Verantwortung für IT-Sicherheit, Performance, Updates und das komplette Hosting-Setup. | Shopware (Open Source Variante), Magento Open Source. |
| 6. Individualentwicklung (Custom Build) | Das Shopsystem wird vollständig neu entwickelt – ohne auf eine Standard-Shopsoftware aufzubauen. Dieser Ansatz kommt vor allem dann infrage, wenn Geschäftsprozesse so speziell sind, dass sie sich mit bestehenden Plattformen nicht sinnvoll abbilden lassen. | Maximale Flexibilität und vollständige Kontrolle über Architektur und Funktionen. | Sehr hohe Entwicklungs- und Betriebskosten, lange Projektlaufzeiten sowie ein dauerhaft hoher Wartungs- und Weiterentwicklungsaufwand. |
Folgende Fragen können dabei helfen:
Wie komplex ist der Beschaffungsprozess deiner B2B-Kund:innen? Gibt es nur eine:n einzelne:n Einkäufer:in oder sind viele Personen mit unterschiedlichen Entscheidungsbefugnissen und Budgetverantwortlichkeit involviert?
Hast du mit deinen verschiedenen Geschäftskund:innen unterschiedliche Preise verhandelt, die über den Shop kundenindividuell angezeigt werden sollen? Sollen Preisverhandlungen in Zukunft über den Onlineshop durchgeführt werden?
Willst du deine Waren international über verschiedene Länder, Sprachen, Währungen und Steuergesetze hinweg verkaufen?
Willst du über den Onlineshop hinaus weitere Vertriebskanäle nutzen, beispielsweise Online-Marktplätze?
Bietet dein Warenwirtschaftssystem Schnittstellen zum Shopsystem an?
Wie flexibel für individuelle Weiterentwicklung soll dein Shopsystem sein? Wieviel Zeit, Budget und Entwickler-Know-how stehen dir dafür zur Verfügung?
Aktuelle Entwicklungen im B2B-E-Commerce: 6 Kerntrends
1. Architektur im Wandel: API-First verdrängt Monolithen
Die Systemarchitektur hat im B2B-Commerce einen grundlegenden Paradigmenwechsel vollzogen. Während in der Vergangenheit starre, "monolithische" Komplettsysteme den Markt dominierten, gelten diese heute oft als zu schwerfällig für agile Geschäftsprozesse.
Der etablierte Branchenstandard lautet stattdessen Composable Commerce und API-First.
Vorreiter wie commercetools, Spryker oder Shopware 6 haben diesen Ansatz perfektioniert, aber auch klassische Suite-Anbieter wie SAP haben ihre Architekturen längst in diese Richtung geöffnet. Durch die strikte Trennung von Front- und Backend (Headless Commerce) sowie die Möglichkeit, einzelne Geschäftsfunktionen modular zusammenzusetzen, bietet diese moderne Architektur die nötige Flexibilität, um komplexe Drittsysteme schnell und nahtlos in das eigene B2B-Ökosystem zu integrieren.
2. Die "Leader"-Anomalie: Architektur-Exzellenz punktet
Am Beispiel von commercetools zeigt sich eine interessante Marktdynamik: Analysten wie Forrester und Gartner führen das System als absoluten "Leader" im B2B-Segment. Ausschlaggebend für diese Bewertung ist nicht ein starres "All-in-One"-Paket, sondern die zukunftsweisende Composable-Architektur.
Zwar bietet commercetools mittlerweile ein starkes Fundament an nativen B2B-Kernfunktionen (wie Business Units, Rollen und Quotes via API), der wahre Fokus liegt jedoch darauf, spezialisierten Entwicklerteams die maximale technologische Freiheit zu geben, um hochkomplexe und maßgeschneiderte B2B-Lösungen individuell zu orchestrieren.
3. Systemwahl im Zeichen der IT-Infrastruktur
Die Auswahl eines Shopsystems erfolgt heute selten isoliert, sondern orientiert sich stark an der übergeordneten IT-Strategie des Unternehmens. Hierbei lassen sich zwei gegensätzliche Lager beobachten:
1. Der Suite-Ansatz (Vendor-Lock-in als Vorteil): Bei Unternehmen, die auf ein einheitliches Ökosystem setzen, determiniert das bestehende ERP- oder CRM-System oft die Wahl des Shopsystems.
Unternehmen mit starker Salesforce-Nutzung profitieren enorm von der nahtlosen Datenintegration der Salesforce B2B Commerce Cloud.
Bei hochkomplexen SAP-Umgebungen (z. B. S/4HANA) stellt die SAP Commerce Cloud historisch oft die logischste und am tiefsten integrierte Ergänzung dar.
(Optional: Das gleiche gilt für Anwender von Adobe- oder Oracle-Landschaften, die oft im jeweiligen Ökosystem bleiben.)
2. Der Best-of-Breed-Ansatz (Composable Commerce): Demgegenüber steht der stark wachsende Trend, das Shopsystem ganz bewusst von der starren Backend-Landschaft zu entkoppeln. Anstatt sich dem ERP-Anbieter unterzuordnen, wählen diese Unternehmen hochflexible, API-basierte Plattformen wie commercetools oder Spryker. Diese Systeme integrieren sich als unabhängige, agile Commerce-Schicht nahtlos in jede bestehende ERP- oder CRM-Struktur, ohne dass man sich von einem einzigen Suite-Anbieter abhängig macht.
4. B2B-Native vs. "B2C-ification"
Viele bekannte Plattformen wie BigCommerce, Shopware, Adobe Commerce oder auch Shopify haben ihre Wurzeln im B2C-Sektor und erweiterten ihr Portfolio erst nachträglich um B2B-Funktionen. Während dies früher oft zu Kritik an der Tiefe der nativen B2B-Features führte, nutzen diese Anbieter ihre Herkunft heute als großen Vorteil: Sie bringen die dringend geforderte "B2C-Usability" – also ein intuitives, reibungsloses Einkaufserlebnis – in den oft noch sperrigen B2B-Alltag.
Einen starken Gegenentwurf dazu bilden Systeme wie OroCommerce. Als "B2B-Native" wurde die Plattform von Beginn an ausschließlich für den Business-Handel konzipiert und spielt ihre Stärken besonders dann aus, wenn extrem komplexe, mehrstufige Unternehmensstrukturen und tiefe native CRM-Prozesse abgebildet werden müssen, für die eine Standard-B2C-Logik nicht ausreicht.
5. Cloud-Dominanz: SaaS und PaaS als Branchenstandard
Cloud-Modelle sind im B2B-Commerce nicht länger nur ein Trend, sondern der absolute und unumstößliche Branchenstandard. Klassisches On-Premise-Hosting spielt bei Neuprojekten kaum noch eine Rolle.
Anbieter wie Adobe (mit ihrer PaaS-Lösung) oder Salesforce und Shopify (mit reinen SaaS-Ansätzen) übernehmen heute vollständig die Verantwortung für IT-Sicherheit, Server-Wartung und die dynamische Skalierung bei Traffic-Spitzen. Dies befreit B2B-Unternehmen von teurem infrastrukturellem Ballast und ermöglicht es ihnen, ihre IT-Ressourcen zu 100 Prozent auf das Kerngeschäft, den Vertrieb und die Customer Experience zu konzentrieren.
6. Digitale Abbildung komplexer B2B-Prozesse
Moderne B2B-Systeme müssen weit mehr leisten als einfache Warenkorb-Transaktionen. Essenziell ist die nahtlose, digitale Abbildung spezifischer und oft langwieriger Beschaffungswege:
Punchout-Schnittstellen (z. B. via cXML oder OCI): Sie sind heute ein absolutes Pflicht-Feature. Sie erlauben Unternehmenskunden den direkten Zugriff auf den Shop direkt aus ihren eigenen E-Procurement-Systemen (wie SAP Ariba, Coupa oder Oracle) heraus. So können Einkäufer ohne Systembrüche im gewohnten Umfeld bestellen.
CPQ-Funktionalitäten (Configure, Price, Quote): Die Digitalisierung komplexer Produktkonfigurationen und individueller Preisverhandlungen ist im B2B-Vertrieb geschäftskritisch. Während Plattformen wie OroCommerce hier mit starken nativen "Quoting"-Modulen punkten, lassen sich bei extremen Anforderungen heute auch spezialisierte Best-of-Breed CPQ-Lösungen über Schnittstellen tief in das Shopsystem integrieren, um selbst hochkomplexe B2B-Angebote in Echtzeit zu berechnen.
Fazit: Die Wahl des B2B-Shopsystems ist eine strategische Weichenstellung
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es nicht das eine perfekte B2B-Shopsystem gibt, sondern nur die Plattform, die am besten zur individuellen IT-Strategie, den internen Ressourcen und den spezifischen Kundenanforderungen passt. Wer erfolgreich im B2B E-Commerce wachsen will, sollte die folgenden Kernpunkte bei der Entscheidungsfindung priorisieren:
Architektur entscheidet über Agilität: Der Trend geht klar weg von starren Monolithen hin zu API-First und Composable Commerce. Unternehmen müssen entscheiden, ob sie die Tiefe einer etablierten Suite (wie SAP oder Salesforce) bevorzugen oder die maximale Flexibilität eines Best-of-Breed-Ansatzes (wie commercetools oder Spryker) benötigen.
Cloud ist der absolute Standard: Moderne SaaS- und PaaS-Modelle befreien B2B-Unternehmen von teurem Server-Management und ermöglichen eine Fokussierung auf das Kerngeschäft und die Kundenzufriedenheit.
B2B-Tiefe trifft B2C-Usability: Erfolgreiche Systeme müssen den schwierigen Spagat meistern: Sie erfordern tiefgreifende Funktionen für komplexe Beschaffungsprozesse (wie Punchout-Schnittstellen, kundenindividuelle Preise und CPQ-Integrationen), müssen den Einkäufern aber gleichzeitig ein reibungsloses, intuitives Erlebnis bieten.
Die Integration ist der Flaschenhals: Egal, für welches Betriebsmodell man sich entscheidet – der Erfolg steht und fällt mit der nahtlosen Anbindung an das bestehende PIM-, CRM- und ERP-Ökosystem.
Die Auswahl der richtigen Plattform beginnt nicht beim Vergleich von Features, sondern bei der ehrlichen Analyse der eigenen Geschäftsprozesse. Wer den Status quo seiner IT-Landschaft und die Anforderungen seiner B2B-Kunden genau kennt, legt mit dem passenden System das optimale Fundament für langfristiges, digitales Wachstum.
Häufige Fragen zur B2B-Shopsystem-Auswahl
Die Nahtlosigkeit der Integration in deine bestehende IT-Landschaft, insbesondere in das ERP- und CRM-System. Ein Shopsystem kann noch so viele smarte Funktionen besitzen – wenn es nicht reibungslos mit deinen Stammdaten und Beständen kommuniziert, wird es zum administrativen Flaschenhals.
Das hängt von deiner IT-Strategie ab. All-in-One-Suiten bieten ein tief verzahntes Ökosystem aus einer Hand (ideal für einen "Vendor-Lock-in"-Ansatz). Headless bzw. Composable Commerce bietet maximale Flexibilität, um die besten Tools am Markt zu kombinieren (Best-of-Breed), erfordert in der Umsetzung jedoch mehr architektonisches Know-how.
In den allermeisten Fällen: Nein. Cloud-Modelle (SaaS und PaaS) sind der unumstrittene Branchenstandard. Sie nehmen dir die Last der Server-Wartung, Skalierung und grundlegenden IT-Sicherheit ab, sodass du deine Ressourcen zu 100 Prozent auf Vertrieb und Customer Experience lenken kannst.
Ein reiner B2C-Warenkorb reicht im B2B nicht aus. Entscheidend sind Funktionen zur digitalen Abbildung von Beschaffungswegen: kundenindividuelle Preisfindung, komplexes Rollen- und Rechtemanagement, Punchout-Schnittstellen (wie cXML/OCI) zur Anbindung an E-Procurement-Systeme sowie CPQ-Module für komplexe Angebotsberechnungen.
Das entscheidet der Komplexitätsgrad deiner Prozesse. Plattformen mit B2C-Wurzeln (wie Shopify Plus oder Shopware) punkten mit herausragender Usability und bringen das gewohnte Endkunden-Erlebnis in den B2B-Alltag. Reine B2B-Systeme (wie OroCommerce) spielen ihre Stärken dann aus, wenn extrem tiefe, mehrstufige Unternehmensstrukturen und hochkomplexe Vertragspreise abgebildet werden müssen, an denen B2C-Logiken scheitern.
Autorin dieses Textes
Maureen Schrader ist Content-Managerin bei dmf. Als Redakteurin mit Erfahrung aus Magazin, Social Media und E-Commerce schreibt sie unsere Blog-Beiträge und unterstützt unser Team bei allem was Grafik-, Performance-Marketing-, Content und Social-Media angeht.
