Barrierefreier E-Commerce: Das sollten Shopbetreiber beachten

Von Ann-Kathrin Hofmann und Dennis Schaa
1. Oktober 2020
Lesezeit: 4 Minuten

Beim Thema “Barrierefreiheit” denken die meisten von uns als erstes an Aufzüge in öffentlichen Gebäuden, ebenerdige Duschen oder rollstuhlgerechte U-Bahnen. Aber auch in der digitalen Welt spielt die Barrierefreiheit eine wichtige Rolle. Diese wird allerdings von vielen Onlineshop-Betreibern noch nicht vollends berücksichtigt. Nicht selten erschweren eine schlechte Navigation, schwer lesbare oder zu kleine Schriftarten und fehlende Kontraste das Onlineshopping für Menschen mit Einschränkungen. 

Um das zu ändern, wird nun die Politik aktiv: Am 28. Juni 2025 tritt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) in Kraft. Damit wird Barrierefreiheit im E-Commerce verpflichtend für jeden Shopbetreiber in Deutschland. Im folgenden Text gehen wir näher darauf ein, wie Sie die damit verbundenen Anforderungen für Ihren Onlineshop umsetzen können, um allen Menschen gleichermaßen den Zugang zu Ihrem Online-Angebot zu ermöglichen.

Warum ist Barrierefreiheit auch im digitalen Raum wichtig?

Laut Statistischem Bundesamt waren Ende 2017 in Deutschland 7,8 Millionen Menschen, also fast jeder Zehnte, schwerbehindert. Eine Umfrage des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi) zeigt, dass Menschen dieser Bevölkerungsgruppe das Internet überproportional häufig benutzen, da sie auf diese Weise ein selbstbestimmteres Leben führen können: Viele Betroffene erledigen ihre Einkäufe online und geben an, dass ihnen durch das Internet die Teilnahme am sozialen, kulturellen und beruflichen Leben erleichtert wird. Mehr als jeder Zweite von ihnen (55 %) wird allerdings durch komplizierte Texte, eine schlechte Farbgestaltung, Animationen o. Ä. daran gehindert, sich uneingeschränkt im World Wide Web zu bewegen. 

Dies betrifft auch ältere Menschen, deren Sehvermögen und Reaktionsfähigkeit im Alter zunehmend nachlassen. Auch unsere Farbempfindlichkeit und Farbunterscheidungskraft verändern sich mit den Jahren, da von der Augenlinse mit zunehmendem Alter mehr violettes Licht herausgefiltert wird. Dadurch können Farbtöne wie Grün, Blau oder Violett nicht mehr gut voneinander unterschieden werden. Darüber hinaus machen auch geringe Kontraste Senioren sowie seheingeschränkten Personen zu schaffen.

Grautöne und zu geringe Kontraste werden häufig zur Barriere für ältere und seheingeschränkte Menschen
Geringe Kontraste werden häufig zur Barriere für ältere und seheingeschränkte Menschen

Barrierefreies Internet ist daher nicht nur ein wichtiger Schritt in Richtung mehr Chancengleichheit, sondern betrifft auch einen großen Teil der Bevölkerung. Aufgrund des demografischen Wandels in Deutschland wird die Nachfrage nach barrierefreien Angeboten im Internet in den nächsten Jahren voraussichtlich weiter ansteigen.

European Accessibility Act (EAA) – Barrierefreier Onlinehandel wird ab 2025 zur Pflicht!

Öffentliche Stellen in Deutschland sind durch die EU-Richtlinie 2016/2102 und die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0) bereits seit einigen Jahren verpflichtet, ihre elektronisch zur Verfügung gestellten Informationen und Verwaltungsabläufe für Menschen mit Behinderung zugänglich und nutzbar zu gestalten. 

Mit der Verabschiedung des European Accessibility Act (EAA) im Jahr 2019 wird die digitale Barrierefreiheit in Zukunft auch für private Unternehmen verbindlich. Ganz konkret bedeutet das: Jeder Onlineshop in der EU muss ab 2025 für Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen maximalen Nutzen bringen. Die EU-Mitgliedsstaaten sind verpflichtet, die Richtlinie bis 2022 in nationales Gesetz umzusetzen und dieses ab dem 28. Juni 2025 anzuwenden. Von der Regelung ausgenommen sind lediglich Kleinstunternehmen, die weniger als zehn Beschäftigte und einen Jahresumsatz von höchstens 2 Millionen Euro haben.

Für Unternehmen ist es daher sinnvoll, sich frühzeitig auf die absehbare Rechtsentwicklung einzustellen. Wer sich bereits jetzt mit dem Thema Barrierefreiheit auseinandersetzt, kann seinen Onlineshop nach und nach umgestalten – und auf diese Weise nicht nur allen Menschen den Zugang zu seinen Produkten und Dienstleistungen ermöglichen, sondern auch die eigene Zielgruppe erweitern.

Was müssen Shopbetreiber jetzt beachten?

Welche konkreten Barrieren erschweren das Onlineshopping für Menschen mit sensorischen und motorischen Einschränkungen? Bei Sehbehinderten können das z.B. Captchas sein, bei Gehörlosen Videos ohne Untertitel. Um für die barrierefreie Gestaltung von Internetangeboten einen allgemeingültigen Standard zu schaffen, hat das  W3C-Konsortium weltweit gültige Richtlinien erarbeitet: die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG).

Diese Richtlinien dienen als Grundlage für staatliche Verordnungen und werden auch für die Webauftritte privater Unternehmen empfohlen. Darin wurden vier Grundprinzipien festgelegt:

  • Wahrnehmbarkeit und Design (UI)
  • Bedienbarkeit (UX)
  • Verständlichkeit (SEO)
  • Robustheit (Codequalität)

Darüber hinaus muss der barrierefreie Onlineshop ohne visuelle Eindrücke genauso gut nutzbar sein wie mit visuellen Eindrücken. Er muss außerdem ausschließlich mit der Tastatur genauso zu bedienen sein wie mit Maus und Tastatur.

Für langfristigen Erfolg im E-Commerce sollten die vier genannten Prinzipien ohnehin im Onlineshopping berücksichtigt werden. Das zeigt: Barrierefreiheit und mobile optimiertes Webdesign gehen oft Hand in Hand und verstärken sich gegenseitig. Eine barrierefreie Seite ist gleichzeitig auch benutzerfreundlich. Das wiederum wirkt sich positiv aufs Suchmaschinenranking, die Kundenzufriedenheit und letztlich auf die Konversionsrate aus.

7 Tipps für den barrierefreien Onlineshop

  1. Alt-Attribute sinnvoll nutzen, um Videos, Bilder oder Audiobeiträge sichtbar zu machen.
  2. Passende Icons verwenden, um die Nutzer leicht verständlich durch den Shop zu führen.
  3. Starke Kontraste nutzen, denn schwache Kontraste können von älteren, sehbehinderten oder farbenblinden Menschen nur schwer oder gar nicht wahrgenommen werden.
  4. Schrift: Die Schriftart und Schriftgröße richtig wählen. Keine komplizierten, verschnörkelten oder zu kleine Schriftarten nutzen.
  5. Klar verständliche Menüstruktur verwenden, die die Navigation durch den Onlineshop erleichtert.
  6. Einfache Sprache verwenden – das verringert auch die Zugangsbarrieren für Menschen mit wenig Deutschkenntnissen.
  7. Buttons klar und verständlich einsetzen.

Auch der aktuelle Trend des Voice Commerce kann Menschen mit Einschränkungen das Onlineshopping erleichtern. Mehr zum Einsatz von Sprachassistenten im E-Commerce können Sie hier nachlesen.

Checkliste: Barrierefreiheit für Onlineshops

Wir von dmf unterstützen Unternehmen dabei, ihren Onlineshop barrierefrei zu gestalten. Dafür haben wir eine Checkliste erstellt, mit deren Hilfe Sie die Barrierefreiheit Schritt für Schritt in Ihrem Shop umsetzen können.

Zur kostenlosen Barriefreiheit-Checkliste

Fazit

Barrierefreiheit im E-Commerce ist ein hoch relevantes Thema, das in den nächsten Jahren noch zunehmend an Bedeutung gewinnen wird. Spätestens bis zur Umsetzung des EAA im Jahr 2025 müssen Onlinehändler ihren Shop so gestalten, dass auch Menschen mit Behinderung diesen uneingeschränkt nutzen können. Dies wird aller Wahrscheinlichkeit nach zur Folge haben, dass die digitale Welt für alle Menschen einfacher und intuitiver zu bedienen sein wird.

Neben der wachsenden Chancengleichheit hat diese Entwicklung noch weitere positive Effekte: Wer sich mit digitaler Barrierefreiheit beschäftigt, setzt sich automatisch auch mit verbesserter UX und UI sowie SEO auseinander. Diese Punkte sind in vielerlei Hinsicht essentiell im Onlinehandel: Sie erhöhen nicht nur die Reichweite des Webauftritts, sondern steigern auch die Effizienz, das Kundenerlebnis und die Conversion.

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